Die Gute-Laune-Macher

Viele Westsachsen gehen ungewöhnlichen Freizeitbeschäftigungen nach.

 "Freie Presse" stellt die Liebhabereien in einer Serie vor.

Heute: ein Guggemusiker

Von Markus Pfeifer
erschienen am 14.11.2016

Meerane. Vom Posaunenchor der Kirchgemeinde muss der Weg zur schrillen Guggemusik nicht weit sein. Das beweist Frieder Heinrich, der musikalischer Leiter der Meeraner Urknall-Westsachsen-Gugge ist. Die ist eine von mittlerweile vier Guggeformationen, die nicht nur aufgrund ihrer Geschichte vieles gemeinsam haben.

Alle sind bunt und sorgen nicht nur in der Karnevalszeit für Unterhaltung, sondern auch bei verschiedensten Veranstaltungen in der Region. Die ursprüngliche Guggemusik, die oftmals ziemlich schräg daher kommt, wurde weiterentwickelt. "Es soll ja schon nach Musik klingen", sagt der 52-Jährige, der beruflich als Versicherungsmakler tätig ist. Bigband-Musik, Märsche, aber auch bekannte Popmelodien werden von den Guggemusikern gespielt. "Dafür schreibe ich die jeweiligen Arrangements passend für die Instrumentengruppen", erklärte der Frontmann der "Urknaller", die durchaus mit einem Orchester zu vergleichen sind. Denn trotz aller Heiterkeit und manch verrückter Aktion kommt es ja bei den Instrumenten auf die richtigen Einsätze an. Diese gibt Frieder Heinrich  als musikalischer Leiter vor, wenn er umgeben von den anderen Musikern in der Mitte steht und nicht nur Kommandogeber, sondern auch Posaunist ist. Hin und wieder kann es dann vorkommen, dass nicht alle so aufmerksam sind, wie gewünscht, doch allzu tragisch ist das auch nicht. "Es gibt ja Fehler, die merkt das Publikum nicht", sagt der Hobbymusiker, der es dann meist irgendwie hinbekommt, dass alle Mitwirkenden zu ihrem Rhythmus finden. Bei den Instrumenten gibt es neben Trompete, Posaune und Trommel auch Ungewöhnliches zu entdecken. Beim Sousafon handelt es sich um einen Art Tuba, die umgebaut wurde. Auf sogenannten Granitblöcken, die aber aus Hartplastik bestehen und auch als "Powerblocks" bezeichnet werden, wird geschlagen, was den Hohlkörpern besondere Klänge entlockt. Die Lyra ist ein senkrecht getragenes Xylofon, das ebenfalls geschlagen wird und für eine Art Glockenspiel sorgt.

Insgesamt gehören derzeit knapp 30 Mitglieder zur Urknall-Westsachsen-Gugge, die aber auch mit weniger Leuten auftreten kann, wenn die entsprechenden Instrumente besetzt sind. "Wir spielen vor allem Titel, die die Leute auch wiederkennen", erklärt der Guggechef, der auch als Tambour bezeichnet wird. Viele Mitglieder, vor allem die Bläser, haben zuvor in Blasmusikorchestern oder in Posaunenchören gespielt. Doch auch Neueinsteiger, die dann ihr Instrument unter anderem von Frieder Heinrich gelernt bekommen, finden zu den Gute-Laune-Musikern. Geprobt wird einmal wöchentlich.

Auftritte gibt es im Schnitt etwa zwei pro Monat. Highlights sind für die "Urknaller", die beim Meeraner Straßenfasching nicht fehlen dürfen, Guggemusik-Festivals in Verona in Italien oder im österreichischen Salzburg gewesen. Nicht nur mit schrägen Klängen, sondern auch mit schrillen Kostümen setzen sich die Aktiven in Szene. Die Garderobe wurde teils gebraucht in der Schweiz erworben, wo die Guggemusik weit verbreitet ist. "Neu kostet so etwas schnell 500 Euro", weiß Frieder Heinrich

 

Meerane schwärmt für Gugge

Die Tradition der Guggemusik reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Damals sollten mit lauter und schräger Musik die Wintergeister vertrieben werden. Die Menschen trugen dabei Masken und Lumpen. Im Jahr 1874 soll erstmals eine solche Blaskapelle beim ziemlich mystisch anmutenden "Morgenstreich", einem Umzug am Montag nach dem Aschermittwoch, im schweizerischen Basel mitmarschiert sein. Anfang des 20. Jahrhunderts tauchte dann der Begriff "Guggemusik" auf.

Einige Jahrzehnte später verbreitete sich diese Musikform nach Süddeutschland, Österreich und Italien. In Sachsen kam sie erst nach der Wende an, und Meerane sollte zu einer Hochburg werden, nachdem sich 1995 die "Erste Sächsische Guggemusik", die Gnallschoddn, gründeten.

Wachstum und Entwicklung, aber auch die eine oder andere Teilung führten dazu, dass es heute vier Guggemusiken in Meerane gibt: Neben der Urknall-Westsachsen-Gugge sind auch die Gnallschoddn '95, die Rasselbande und die Draufgänger-Guggis musikalisch heiter unterwegs. (mpf)